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Gerichtssaal statt Verhandlungstisch

Ehrlicher Kaufmann – dieser Begriff steht für Anstand, Verlässlichkeit und Verantwortung im Geschäftsleben. In meiner Arbeit als ehrenamtlicher Handelsrichter am Landgericht München I erlebe ich jedoch regelmäßig, wie weit Anspruch und Realität inzwischen auseinanderliegen, wenn Unternehmen vor Gericht aufeinandertreffen. Es sind Auseinandersetzungen, die auf den ersten Blick nüchtern wirken – und doch viel über den Zustand unseres Geschäftslebens erzählen.

Verhandelt wird über Liefer- und Lizenzvereinbarungen, über Zahlungsmodalitäten, Vertragsklauseln und Haftungsfragen. Juristisch sind viele dieser Fälle ordentlich vorbereitet. Was jedoch auffällt, ist die menschliche Ebene: Sie wirkt erstaunlich häufig von Härte, Misstrauen und taktischem Verhalten geprägt.

Dabei drängt sich mir immer wieder eine Frage auf:
Wie viele dieser Verfahren wären vermeidbar gewesen?

Nicht deshalb, weil Verträge handwerklich schlecht gemacht waren. Nicht, weil eine Partei automatisch im Unrecht stand. Sondern weil Kommunikation nicht funktioniert hat.

Gespräche fanden nie oder nur unvollständig statt. Absprachen wurden später bestritten oder unterschiedlich erinnert. Entscheidungen blieben unklar dokumentiert, nicht bestätigt oder bewusst offen formuliert. Gerade diese Unschärfe erweist sich im Nachhinein oft als Kern des Konflikts.

Symptom einer Krise oder Verlust von Haltung?

Mit jedem weiteren Verfahren stellt sich mir die grundlegendere Frage:
Ist die wachsende Zahl wirtschaftsrechtlicher Streitigkeiten, die sich buchstäblich auf den Richterpulten stapeln, lediglich Folge einer angespannten Wirtschaftslage?

Oder ist sie Ausdruck eines schleichenden Verlusts von Anstand, Haltung und Verlässlichkeit im Geschäftsverkehr?

Der ehrbare Kaufmann als Haltung, nicht als Nostalgie

Es gab einmal das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns. Ich weiß, dass der Verweis auf „früher“ kein Beweis ist – aber er beschreibt eine Haltung. Ein Handschlag galt. Das gesprochene Wort hatte Gewicht. Nicht aus Gutgläubigkeit, sondern aus Verantwortungsbewusstsein, getragen von Vertrauen und gegenseitigem Respekt.

Heute reicht das Wort allein oft nicht mehr. Geschäftsbeziehungen werden bis ins Detail juristisch abgesichert, mehrfach dokumentiert und rechtlich abgefedert. Vertrauen weicht komplexen Klauselwerken, direkte Gespräche werden durch formalen Schriftverkehr ersetzt, Haltung durch strategisches Schweigen. Nicht selten entsteht der Eindruck, dass es weniger um Fairness geht als um das Ausnutzen von Spielräumen zulasten des Vertragspartners.

Zwei Personen in Geschäftsanzügen schütteln sich die Hände über einem Schreibtisch mit juristischen Dokumenten, einem Stift, einer Waage, Büchern und Schlüsseln, der in einem Büro steht, durch dessen Fenster Sonnenlicht fällt.

Gibt es ihn noch – den ehrlichen Kaufmann? Vertrauen, Handschlag und Haltung im heutigen Geschäftsleben. Foto: ChatGPT

Wenn Konfliktvermeidung zur Geschäftsstrategie wird

Ähnliche Mechanismen lassen sich auch in anderen Bereichen beobachten – etwa bei Entschädigungen für ausgefallene Flüge oder nicht erbrachte Bahnleistungen. Ohne rechtliche Schritte kommen viele Kunden kaum zu ihrem Anspruch. Für manche Konzerne ist das längst einkalkulierte Praxis: Man setzt darauf, dass der Aufwand einer Klage abschreckt und sich so finanzielle Vorteile ergeben.

Mehr Druck, weniger Klarheit?

Natürlich sind Märkte komplexer geworden. Der wirtschaftliche Druck ist gestiegen, Handlungsspielräume sind enger.

Doch rechtfertigt das mangelnde Klarheit?
Oder eine Kommunikation, die bewusst vage bleibt, um sich später Optionen offenzuhalten?

Vor Gericht wird besonders deutlich, wie hoch der Preis schlechter oder fehlender Kommunikation ist. Er zeigt sich nicht nur finanziell, sondern auch kulturell. Denn einmal zerstörtes Vertrauen lässt sich durch keinen Vertrag wiederherstellen.

Als Handelsrichter bin ich verpflichtet, strikt nach Recht und Gesetz zu entscheiden. Als Kommunikationsberater erkenne ich darin eine problematische Entwicklung. Und als Mensch frage ich mich zunehmend, ob wir Verantwortung nicht immer häufiger delegieren – an Juristen, Gerichte und Vertragswerke – statt sie selbst zu übernehmen.

Was es heute wieder braucht

Vielleicht braucht es gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wieder mehr von dem, was heute fast altmodisch wirkt:

  • Klarheit.
  • Verbindlichkeit.
  • Anstand.
  • Haltung.

Und den Mut, Dinge offen auszusprechen – auch wenn sie unbequem sind.

Eine offene Frage an Sie

Gibt es den ehrlichen Kaufmann heute tatsächlich seltener als früher?

Oder hat er es lediglich schwerer, sich in einem Umfeld zu behaupten, in dem Misstrauen belohnt wird?

Ich bin gespannt auf Ihre Erfahrungen und Beispiele.

Ein Mann mit kurzen braunen Haaren, Brille, schwarzem Gewand und weißer Krawatte steht in einem Innenraum vor einem mehrstöckigen Treppenhaus mit Geländern.

Ihr Nikolai A. Behr

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