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Führungskultur und Leistungskultur – zwei Begriffe, über die in deutschen Unternehmen viel diskutiert wird. Was sie in der Praxis wirklich bedeuten, habe ich jedoch nicht in einem Seminar gelernt. Sondern auf der jährlichen Convention der National Speakers Association in Austin, Texas, wo sich mehr als 1.000 professionelle Speaker aus aller Welt trafen – und wo ich zudem die internationale Auszeichnung als Certified Speaking Professional (CSP) entgegennehmen durfte.

Die wichtigste Erkenntnis dieser Reise hatte allerdings nichts mit Rhetorik zu tun. Sie hatte mit Menschen zu tun.

Wenn Erfolg gefeiert statt beäugt wird

Innerhalb weniger Stunden gratulierten mir weit über 500 Kolleginnen und Kollegen herzlich, interessierten sich für meine Arbeit und teilten offen ihre eigenen Erfahrungen. Viele von ihnen gehören zu den erfolgreichsten Speakern Nordamerikas und stehen seit Jahrzehnten auf den größten Bühnen der Welt. Was mich dabei am meisten beeindruckte, war jedoch nicht ihr Erfolg. Es war ihre Großzügigkeit.

Niemand hatte Angst, sein Wissen zu teilen. Niemand befürchtete, ein anderer könnte dadurch erfolgreicher werden. Stattdessen war förmlich die Freude zu spüren, wenn Kolleginnen und Kollegen ausgezeichnet wurden oder einen neuen Meilenstein erreichten.

Unwillkürlich musste ich dabei an viele Unternehmen denken – und leider auch an unsere politische Kultur. Wie häufig wird dort nicht miteinander, sondern übereinander gesprochen? Wie oft beginnt Misstrauen mit einem beiläufigen Satz auf dem Flur, einer Spitze im Meeting oder einer kleinen Bemerkung, die den Erfolg anderer relativiert?

Eine Person in traditioneller bayerischer Tracht springt auf der Bühne in die Luft, während eine bunt gemischte Gruppe von Menschen in festlicher Kleidung in einer Reihe steht, klatscht und lächelt – im Hintergrund ist ein Schild mit der Aufschrift „Austin, Texas“ zu sehen.

Der CSP steht in den USA für höchste Anerkennung in der Speaker-Branche. Foto: privat

Führungskultur und Leistungskultur: Der Unterschied liegt im Grundton

Robert Cavett, der Gründer der National Speakers Association, brachte diese Haltung bereits vor Jahrzehnten auf den Punkt: Anstatt darüber nachzudenken, wie der vorhandene Kuchen verteilt wird, sollte man gemeinsam dafür sorgen, dass der Kuchen größer wird.

Was für ein Gedanke. Und was für ein Unterschied zu einer Konkurrenzkultur, in der Erfolg misstrauisch beäugt wird, anstatt ihn gemeinsam zu gestalten. Genau hier liegt für mich der entscheidende Unterschied zwischen einer echten Leistungskultur und einer Kultur der gegenseitigen Behinderung.

Eine Begegnung, die ich nicht vergessen werde

Besonders bewegt hat mich das Gespräch mit William „T“ Thompson, dem heutigen Vorsitzenden des Board of Directors der National Speakers Association. Seine Geschichte beginnt jedoch ganz anders als man vermuten würde.

Als einer der ersten schwarzen Schüler besuchte er eine Highschool, die bis dahin ausschließlich weißen Schülern vorbehalten war. Unter Polizeischutz fuhr er im Schulbus – und seine Eltern gaben ihm einen Satz mit auf den Weg, der mich seitdem nicht loslässt: Du kannst immer mehr, als du glaubst – und du kannst mit mehr umgehen, als du je für möglich gehalten hättest.

William Thompson hat diesen Satz gelebt. Er wurde der erste schwarze Fluglehrer bei der US Air Force, war 26 Jahre Linienpilot bei Delta Air Lines, studierte anschließend Jura und wurde später der am längsten amtierende Commissioner of Aeronautics des Bundesstaates Massachusetts – unter vier Gouverneuren beider Parteien.

Im Flugzeug zurück nach Deutschland fragte ich mich: Wie oft hören junge Menschen heute einen solchen Satz? Und noch wichtiger: Wie oft hören Mitarbeitende so etwas von ihren Führungskräften? Mut entsteht selten von allein. Er wächst dort, wo Menschen einander etwas zutrauen.

Was gute Führungskultur in der Praxis bedeutet

Diese Haltung gegenseitiger Unterstützung zeigte sich während der gesamten Convention. Wenn Kolleginnen oder Kollegen krank werden, springen andere selbstverständlich für sie ein – oft ohne Honorar, damit der erkrankte Speaker finanziell keinen Nachteil hat. Initiativen wie Cigar PEG haben in den vergangenen Jahren nahezu eine Million US-Dollar für wohltätige Zwecke gesammelt, getragen von einer Gemeinschaft, die Großzügigkeit als Selbstverständlichkeit begreift.

Natürlich gibt es auch in den USA Wettbewerb. Nicht alles ist perfekt. Aber der Grundton ist ein anderer – und dieser Grundton ist es, der Führungskultur und Leistungskultur langfristig prägt.

Erfolg wird in einer echten Leistungskultur nicht misstrauisch beäugt. Er wird gefeiert. Und zwar aufrichtig.

Vielleicht brauchen wir in Europa weniger Diskussionen über moderne Führung – und mehr Menschen, die anderen ehrlich zum Erfolg gratulieren. Die fragen: Was kann ich von Ihnen lernen? Statt: Warum ist ausgerechnet er oder sie erfolgreich?

Denn dort, wo Menschen einander unterstützen statt kleinzureden, entstehen Innovation, Vertrauen und Spitzenleistungen. Und genau dann beginnt gute Führung.

Wie erleben Sie das in Ihrem beruflichen Umfeld – werden Erfolge gemeinsam gefeiert oder eher skeptisch betrachtet?

Sieben Menschen stehen auf der Bühne, lächeln und feiern. Die Person in der Mitte trägt Lederhosen und eine Medaille, während die anderen auf sie zeigen. Im Hintergrund sind ein Gitarrenlogo und der Schriftzug „Austin, Texas“ zu sehen.