Präsenz auf der Bühne entsteht nicht durch bessere Technik, spektakulärere Bilder oder aufwendige Inszenierungen. Das wurde mir in Austin bewusster als je zuvor – in einem kurzen Interview am Rande der Convention der National Speakers Association. Der Mann auf der Bühne brauchte nicht mehr als einen schwarzen Anzug, eine rote Krawatte und ein Mikrofon. Sein Name: Les Brown.
Ein Saal, der still wird
Kein großes Bühnenprogramm. Keine Folien, keine Musik, keine Einspieler. Und trotzdem wurde der Saal still. Les Brown spricht langsam – sehr langsam. So langsam, dass man als Medientrainer beinahe denkt: Jetzt müsste mehr kommen. Mehr Tempo, mehr Dynamik. Aber genau das Gegenteil passiert. Man wartet. Und hört zu.
Präsenz auf der Bühne: Eine außergewöhnliche Lebensgeschichte
Les Brown wurde gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder in ärmlichen Verhältnissen geboren, kurz nach der Geburt von Mamie Brown adoptiert und in der Schule als geistig lernbehindert abgestempelt. Obwohl diese frühen Zuschreibungen seine Möglichkeiten begrenzen sollten, ließ er sich davon nicht aufhalten. Er wurde zunächst Radio-DJ, dann Abgeordneter im Parlament von Ohio und schließlich einer der bekanntesten Motivational Speaker der Welt.
1994 erhielt er die Diagnose Prostatakrebs im Stadium IV, bereits metastasiert. Statt sich zurückzuziehen, machte Brown diese Erfahrung zu einem Teil seiner Botschaft: Hoffnung nicht mit Verdrängung zu verwechseln, sich von Diagnosen nicht definieren zu lassen und auch dann an Möglichkeiten zu glauben, wenn die Aussichten schlecht sind. Vor diesem Hintergrund versteht man erst, warum seine langsamen, einfachen Sätze eine solche Kraft entfalten.
Die unbequeme Frage, die ich Führungskräften stelle
In meinen Trainings stelle ich Führungskräften irgendwann eine ziemlich direkte Frage: Was bleibt von Ihrer Präsentation übrig, wenn ich Ihnen jetzt den Bildschirm ausschalte? Können Sie Ihre Geschichte trotzdem erzählen? Halten Sie eine Pause aus? Hören Ihnen die Menschen dann immer noch zu?
Wir stellen uns als Speaker ständig die Frage, was wir auf der Bühne noch zusätzlich tun können. Bessere Präsentationen, spektakulärere Bilder, Video, Musik, Animation, Licht. In den USA habe ich fantastische Inszenierungen erlebt. Dann sitzt da Les Brown. Schwarzer Anzug, rote Krawatte, Mikrofon. Tausend Menschen hören zu.

Les Brown auf der NSA Convention 2026 in Austin, Texas. Foto: NA Behr
Präsenz auf der Bühne: Wenn weniger mehr ist
Dieses kurze Interview war für mich einer der stärksten Momente in Austin. Nicht weil dort so viel passiert wäre. Sondern weil so wenig nötig war. Les Brown füllt eine Bühne nicht dadurch, dass er sie mit Inhalten, Technik oder Inszenierung überhäuft. Er füllt sie, weil er als Mensch vollständig präsent ist – auch dann, wenn man alles andere wegnimmt.
Genau das ist die Lektion, die ich aus Austin mitnehme. Und genau das ist die Fähigkeit, die ich Führungskräften in meinen Trainings vermittle. Denn Präsenz auf der Bühne entsteht nicht durch das, was man hinzufügt. Sie entsteht durch das, was bleibt, wenn man alles Unnötige weglässt.
Wie viel Ihrer Wirkung hängt von Ihrer Technik ab – und wie viel von Ihnen selbst?

Dr. Nikolai A. Behr CSP® ist Keynote Speaker, Kommunikationsexperte und Medientrainer für Führung, Vertrauen und empathische Kommunikation in Zeiten von Wandel und KI.