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KI und Führung – das ist längst keine abstrakte Zukunftsdebatte mehr. Sie findet täglich statt, in Sitzungsräumen, in Redaktionsbüros und an Schreibtischen, an denen Entscheidungen vorbereitet werden. Und genau dort offenbart sich ein Verlust, der sich nicht wie ein Verlust anfühlt – weil er so leise kommt.

Drei Tage wurden zwei Stunden – und dann fehlte etwas

Ein Redenschreiber eines Vorstandsvorsitzenden brachte es kürzlich auf den Punkt. Früher habe er für eine Rede mehrere Tage gebraucht. Heute, mit KI-Unterstützung, ein bis zwei Stunden. Soweit klingt das nach einer Erfolgsgeschichte. Dann kam jedoch der zweite Teil: Die Reifezeit fehle. Er durchdringe das Thema nicht mehr selbst. Er habe keine eigene Position mehr dazu. Er schreibe im freien Raum.

Dieser Satz beschreibt ein Problem, das weit über das Schreiben von Reden hinausgeht.

KI und Führung: Das Denken steckte in der Arbeit

Die drei Tage waren nie nur Schreibzeit. In diesen drei Tagen wurden Argumente gegeneinander abgewogen, Formulierungen verworfen und Einwände vorweggenommen. Irgendwann, meistens spät, entstand eine Haltung zum Thema. Das Ergebnis war die Rede. Das eigentliche Produkt aber war die Position.

Genau dieser Teil ist heute weg. Nicht weil jemand ihn bewusst abgeschafft hätte – sondern weil er unsichtbar war. Er stand in keinem Prozess, keiner Stellenbeschreibung, auf keiner Rechnung. Er war ein Nebenprodukt von Langsamkeit. Und Langsamkeit optimieren wir gerade sehr erfolgreich weg.

Eine Sanduhr auf einem Tisch, scharf im Bild, während im Hintergrund ein verschwommener Bürobereich zu sehen ist, in dem vier Personen an einem Konferenztisch sitzen – ein Hinweis auf ein Geschäftstreffen und den Lauf der Zeit.

Wie viel Zeit geben Sie der Entwicklung Ihrer eigenen Position?

Warum das ein Führungsthema ist

Was für einen Redenschreiber gilt, gilt für Führung in deutlich größerem Maßstab. Führungskräfte erhalten heute Entscheidungsvorlagen, die in Minuten entstehen: Marktanalysen, Szenarien, Risikobewertungen, drei Optionen mit Empfehlung. Sauber strukturiert, plausibel begründet, sprachlich einwandfrei.

Früher entstand die eigene Meinung einer Führungskraft während des Arbeitens mit dem Thema – im Nachfragen, im Streit mit dem Team, im dritten Anlauf. Heute liegt das fertige Ergebnis vor, bevor die eigene Position überhaupt existiert. Und damit stellt sich eine Frage, die neu ist: Denke ich das gerade – oder lese ich es nur?

Der gefährliche Teil: Es fühlt sich nicht falsch an

Wäre das Ergebnis schlecht, wäre das Problem leicht zu erkennen. Aber das Ergebnis ist gut. Manchmal sogar sehr gut. Es ist strukturiert, belegt und klingt überzeugend – oft besser, als man es selbst in derselben Zeit hinbekommen hätte.

Genau darin liegt das eigentliche Risiko. Eine fertige, gut formulierte Position fühlt sich erstaunlich schnell wie die eigene an. Man übernimmt sie nicht bewusst. Man merkt nur nicht mehr, dass man sie übernommen hat. KI pflanzt keine Meinungen ein – aber sie liefert sie so reibungslos, dass die eigene Auseinandersetzung damit ausbleibt.

Der Test kommt später

In der Praxis zeigt sich das Problem selten in der Sitzung, in der entschieden wird. Sondern danach:

  • Im Interview, wenn die zweite Nachfrage kommt – nicht die erste, die ist vorbereitet.
  • In der Mitarbeiterversammlung, wenn jemand aus der dritten Reihe fragt: „Und warum genau ist das für uns die richtige Entscheidung?“
  • Im Aufsichtsrat, wenn jemand eine Annahme angreift, die man selbst nie geprüft hat.

In diesen Momenten hilft kein Text. Es hilft nur, ob man das Thema tatsächlich durchdrungen hat. Menschen, die eine Position selbst erarbeitet haben, können sie mit anderen Worten wiederholen. Menschen, die eine Position übernommen haben, wiederholen dieselben Worte.

KI und Führung: Drei konkrete Maßnahmen gegen den stillen Verlust

Die Lösung lautet nicht, weniger KI zu nutzen. Das wäre weltfremd – und der Redenschreiber will die drei Tage auch nicht zurück. Stattdessen geht es darum, die Reifezeit bewusst wieder einzubauen, weil sie nicht mehr von allein entsteht:

  1. Erst die eigene These, dann der Prompt. Zwei Minuten, ein Blatt Papier: Was denke ich, bevor ich frage? Diese zwei Minuten entscheiden, ob man anschließend prüft oder nur übernimmt.
  2. KI als Gegner einsetzen, nicht als Autor. „Formuliere mir ein Argument“ erzeugt Zustimmung. „Zerlege meine Position, finde die Schwachstelle“ erzeugt Denken. Der zweite Prompt ist unbequemer – und deutlich wertvoller.
  3. Der Satz-Test. Streiche aus jeder KI-gestützten Vorlage die Sätze, die du vor 800 Mitarbeitenden nicht verteidigen würdest. Was übrig bleibt, ist die tatsächliche eigene Position. Manchmal ist das erschreckend wenig – und genau das ist die nützliche Information.

Effizienz ist nicht das Gegenteil von Qualität. Aber sie ist manchmal das Gegenteil von Verstehen. Und Führung, die nicht versteht, kann nicht überzeugen. Sie kann nur vortragen.

Die wichtigere Frage im Kontext von KI und Führung lautet deshalb nicht, welche Aufgaben KI übernimmt. Sie lautet: Welches Denken verlieren wir, wenn wir die Arbeit abgeben, in der es stattgefunden hat?

Wann haben Sie zuletzt gemerkt, dass eine Position, die Sie vertreten haben, gar nicht Ihre eigene war?

Ein Mann im Anzug und mit einer rot gestreiften Krawatte lächelt und hält vor einem Banner der National Speakers Association eine Medaille mit einem blau-gelben Band in der Hand.

Ihr Nikolai A. Behr, CSP®