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Führung im Gegenwind ist kein Ausnahmezustand mehr – sie ist für viele Organisationen zum Dauerzustand geworden. Sparprogramme, Reorganisationen, KI-Offensive, neues Zielbild, wieder ein Sparprogramm. Nichts davon ist ein einzelnes Ereignis. Es hört nur nicht auf. Und genau dort, wo der Wind dauerhaft weht, passiert etwas, das sich schwerer beobachten lässt als eine Krise.

Sankt Peter-Ording und ein vernünftiger Satz

Vergangene Woche stand ich am Strand in Sankt Peter-Ording. Badehose in der Tasche, 17 Grad Wassertemperatur, 15 Grad Außentemperatur und dieser Wind, der nicht böig kommt, sondern einfach weht. Den ganzen Tag. Immer aus derselben Richtung. Neben mir gingen Leute ins Wasser – fast alle im Neoprenanzug.

Ich bin nicht rein. Der Gesundheit zuliebe, sagte ich mir. Eine Erkältung kann ich diese Woche nicht brauchen, ich habe Termine in Hamburg.

Die anderen hatten Neopren. Ich hatte einen guten Grund.

Windflüchter: Was wirklich passiert

Auf der Rückfahrt fiel mir etwas auf, das ich vorher dutzendmal gesehen und nie wirklich wahrgenommen hatte. Die Bäume an den Landstraßen stehen alle schief – alle in dieselbe Richtung, als hätte jemand mit der flachen Hand darübergestrichen.

Windflüchter nennt man diese Bäume. Und ich dachte immer, ich wüsste, wie das entsteht: Der Wind drückt, der Baum gibt nach, er biegt sich weg. Anpassungsfähigkeit. Ein hübsches Bild.

Stimmt nur nicht.

Der Baum biegt sich nicht. Auf der Windseite gehen ihm die Knospen und die jungen Triebe kaputt – durch Salz aus der Gischt, durch Austrocknung und durch den Sand, der jahrein, jahraus über Blätter und Knospen schleift. Der Baum weicht nicht aus. Ihm stirbt eine Seite ab. Weitergewachsen wird nur noch dort, wo Ruhe ist. Und die Form bleibt – auch an windstillen Tagen.

Vor mir erstreckt sich eine nasse, menschenleere Straße unter einem grauen Himmel. Die Bäume am Straßenrand sind vom starken Wind gekrümmt, ihre Blätter wehen seitwärts. Die Scheinwerfer entfernter Autos durchdringen die regnerische, bewölkte Atmosphäre.

Windflüchter an einer norddeutschen Landstraße. KI-generiertes Motiv nach einer Beschreibung des Autors, erstellt mit DALL·E by DIKT.

Führung im Gegenwind: Krise ist ein Ereignis, Wind ist ein Zustand

In meiner Arbeit mit Führungskräften beschäftige ich mich viel mit Krisen. Krisen sind Ereignisse: ein Cyberangriff, ein Rückruf, ein Video, das plötzlich kursiert. Dafür kann man üben, dafür gibt es Pläne, dafür gibt es die erste Stunde, in der eine Stellungnahme stehen sollte.

Die meisten Organisationen, in denen ich derzeit arbeite, befinden sich jedoch gar nicht in einer Krise. Sie stehen im Wind. Seit Jahren. Und darauf reagieren Menschen nicht mit Anpassung. Sie reagieren wie der Baum. Auf der Windseite hört das Wachstum auf.

Was ist die Windseite in einer Organisation? Widerspruch im Meeting. Der eigene Vorschlag, der einem Arbeit macht. Die schlechte Zahl, die man nach oben meldet, bevor jemand danach fragt. Das Projekt, für das man den Kopf hinhält. All das verschwindet nicht mit einem Knall. Es hört einfach auf zu wachsen. Und die Organisation sieht dabei ruhig aus – sogar auffällig ruhig.

Wann hat in Ihrem Führungskreis zuletzt jemand widersprochen, ohne dass es ihn etwas gekostet hat?

Warum gute Gründe so gefährlich sind

Mein Satz am Strand war: der Gesundheit zuliebe. Das ist ein vernünftiger Satz. Er stimmt sogar. Bei 15 Grad und Wind ohne Neopren ins Wasser zu gehen und die Woche darauf verschnupft in Hamburg zu sitzen – das nützt niemandem.

Und trotzdem war das die Windseite. Ich bin nicht rein.

Genau so klingt es in vielen Besprechungen. Niemand sagt: Ich sage jetzt nichts, weil es mich Kraft kostet. Stattdessen sagen alle: Dafür ist gerade nicht der richtige Zeitpunkt. Wir sollten das nicht überfrachten. Lass uns das nach der Reorganisation noch mal anschauen.

Vernünftige Sätze – manche stimmen sogar. Deshalb sind sie so schwer zu erkennen. Ein schlechter Grund fällt auf. Ein guter nicht.

Führung im Gegenwind: Windflüchter sind keine kranken Bäume

Damit das nicht falsch verstanden wird: Windflüchter sind keine kranken Bäume. Sie stehen seit Jahrzehnten, sie tragen Laub und sie überstehen Stürme oft besser als mancher schnurgerade Baum im Windschatten. Ausweichen ist nicht das Problem.

Das Problem ist, dass irgendwann niemand mehr merkt, welche Seite aufgehört hat zu wachsen.

Was Sie konkret tun können

Fragen Sie in Ihrem nächsten Jour fixe nicht, was gut läuft. Fragen Sie stattdessen, was seit einem Jahr niemand mehr anspricht. Und hören Sie dann sehr genau zu, wie vernünftig die Gründe klingen.

Denn dort, wo Führung im Gegenwind zur Normalität geworden ist, zeigt sich die eigentliche Führungsqualität nicht in der Krisenbewältigung. Sie zeigt sich darin, wer noch benennt, was auf der Windseite aufgehört hat zu wachsen.

Ihr Dr. Nikolai A. Behr

Dr. Nikolai A. Behr in einer grünen Jacke, hellbraunen Shorts und einer Mütze steht mit einer Tasche in der Hand an einem Sandstrand, im Hintergrund sind der blaue Himmel, das Meer und Menschen zu sehen.