+49 89 800 33 450 / in Deutschland: 0700-Call-BEHR office@medientraining-institut.de

Ein Informationsvakuum bleibt nie lange leer. Sobald ein Unternehmen schweigt, erzählen andere die Geschichte, und zwar selten so, wie es sich die Geschäftsleitung wünschen würde. Besonders deutlich wird das, wenn die eigenen Mitarbeitenden eine wichtige Nachricht zuerst aus der Zeitung erfahren.

Aus der Zeitung erfahren, dass der eigene Job wackelt

Anfang September 2026 berichteten Schweizer Zeitungen, dass Raiffeisen Schweiz 180 Stellen streicht. Für die Belegschaft war das die erste Nachricht dazu, denn die Bank informierte sie erst, als die Meldung bereits öffentlich war. Als Begründung nannte sie die Ad-hoc-Publizitätspflicht, wegen der man vorher nichts habe sagen dürfen. Der Präsident des Schweizerischen Bankpersonalverbands sprach daraufhin von „schlechtem Stil“.

Ich bin kein Jurist, und solche Pflichten gibt es tatsächlich. Stellen Sie sich aber einmal den Vormittag in einem solchen Unternehmen vor. Was tun Menschen, die in der Zeitung lesen, dass ihr Arbeitgeber Stellen abbaut? Sie reden, nämlich in der Kaffeeküche, im Teams-Chat und abends am Küchentisch. Mit jedem, nur eben nicht mit der Geschäftsleitung.

OpenAI: Ein einziger Satz und fünf Tage Chaos

Das prominenteste Beispiel der letzten Jahre stammt aus dem Silicon Valley. An einem Freitagnachmittag im November 2023 setzt der Verwaltungsrat von OpenAI Sam Altman ab, den Chef des wohl bekanntesten KI-Unternehmens der Welt. Die Begründung umfasst genau einen Satz: Altman sei in seiner Kommunikation mit dem Gremium nicht durchgehend aufrichtig gewesen. Weitere Erklärungen folgen nicht, weder am Samstag noch am Sonntag.

Sam Altman hält auf einer Konferenz eine Rede und trägt dabei ein Headset-Mikrofon.

Sam Altman. Foto: TechCrunch, CC-Lizenz

Folglich gehört das Wochenende anderen. Investoren, ehemalige Mitarbeitende und halb Silicon Valley verbreiten ihre eigene Version: Machtkampf, Streit über Sicherheit, ein geheimer Durchbruch oder persönliche Verfehlungen. Am Montag unterschreiben dann mehr als 700 der rund 770 Beschäftigten einen Brief und drohen mit Kündigung. Zudem kündigt Microsoft an, Altman einzustellen. Am Dienstagabend ist er zurück, während vom alten Verwaltungsrat fast niemand übrig bleibt.

Ein Satz Erklärung stand also gegen 700 Unterschriften. Der Verwaltungsrat besaß zwar alle Macht, die eine Satzung hergibt. Was ihm jedoch fehlte, war die Geschichte. Und ohne Geschichte war die Macht nach fünf Tagen verschwunden.

Wenn ein Fake ins Informationsvakuum fällt

Das zweite Beispiel stammt nicht aus der Wirtschaft. Dennoch zeigt es, was geschieht, wenn in eine solche Lücke zusätzlich eine Fälschung fällt.

Im Januar 2024 teilt der Kensington-Palast mit, die Prinzessin von Wales habe sich einer Bauchoperation unterzogen und werde vor Ostern keine Termine wahrnehmen. Danach herrscht Funkstille. Unter dem Hashtag #WhereIsKate entstehen daraufhin Theorien, eine absurder als die andere.

Am britischen Muttertag im März veröffentlicht der Palast schließlich ein Familienfoto. Noch am selben Abend ziehen große Agenturen wie AP und Reuters es zurück, weil es bearbeitet wurde. Am nächsten Tag entschuldigt sich Kate und erklärt, sie experimentiere wie viele Hobbyfotografen gelegentlich mit Bildbearbeitung. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Verschwörungstheoretiker allerdings längst ihr Beweisstück. Erst zwei Wochen später, als sie in einer Videobotschaft ihre Krebserkrankung öffentlich macht, kehrt Ruhe ein.

Genau dieser Mechanismus steckt hinter fast jeder Desinformation. Ein Fake braucht keinen perfekten Beweis. Er braucht lediglich eine Lücke und irgendetwas, das hineinpasst. Und irgendetwas bleibt immer hängen.

Vor einem blauen Vorhang steht ein hölzernes Podium mit zwei Mikrofonen, aus der Perspektive des Publikums betrachtet.

Ein leeres Podium bleibt nicht lange leer. Wer hier nicht spricht, überlässt anderen das Wort. Bild: KI-generiert mit ChatGPT by DIKT

Zwischen „alles sagen“ und „nichts sagen“

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Manchmal dürfen Sie tatsächlich nicht reden. Kapitalmarktrecht, laufende Ermittlungen, Personalangelegenheiten oder die Gesundheit eines Menschen setzen klare Grenzen, und niemand erwartet, dass Sie Interna preisgeben.

Zwischen „alles sagen“ und „nichts sagen“ liegt jedoch ein großer Raum. Sie können zum Beispiel erklären, was Sie gerade nicht sagen dürfen und wann Sie sich wieder melden. Das ist nicht viel. Trotzdem reicht es, damit die Lücke nicht leer bleibt.

Die Belegschaft zuerst: Ein Beispiel von BMW

Manchmal ist auch mehr möglich, als man denkt. Als ich das Mitarbeiterfernsehen der BMW Group leitete, wechselte der Vorstandsvorsitz von Helmut Panke zu Norbert Reithofer. Für den damaligen Kommunikationschef Richard Gaul war dabei eines besonders wichtig: Die Mitarbeitenden sollten die Nachricht nahezu zeitgleich mit den Medien und den Kapitalmärkten erfahren. Innerhalb weniger Minuten liefen deshalb die passenden Beiträge in allen Werken.

So verhindern Sie ein Informationsvakuum

  1. Schreiben Sie den ersten Satz, bevor Sie ihn brauchen. Für die wahrscheinlichsten Krisen in Ihrem Unternehmen sollte ein erstes Statement fertig in der Schublade liegen. Denn mitten in der Krise schreibt niemand gute Sätze.
  2. Sagen Sie, was Sie nicht wissen. Zum Beispiel: „Die Ursache kennen wir noch nicht. Um 15 Uhr melden wir uns wieder.“ Und dann melden Sie sich um 15 Uhr, auch wenn es nichts Neues gibt.
  3. Informieren Sie Ihre Leute zuerst oder wenigstens gleichzeitig. Dürfen Sie aus rechtlichen Gründen nicht vorher informieren, dann tun Sie es in derselben Minute. Schließlich kann die Mail an die Belegschaft fertig sein, bevor die Pressemitteilung hinausgeht. Lassen Sie sich von Ihrer Rechtsabteilung zeigen, was möglich ist, nicht nur, was verboten ist.
  4. Stellen Sie sich vor jedem Schweigen eine Frage: Wer erzählt diese Geschichte, wenn ich es heute nicht tue?

Lautet die Antwort darauf nicht „ich“, dann sollten Sie reden. Am besten noch heute.