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Wer genau kommuniziert, braucht Nebensätze. Wer zuspitzt, passt auf einen Bus. Genau deshalb gewinnen die Lauten – nicht weil sie recht haben, sondern weil sie klarer kommunizieren. Was Führungskräfte daraus lernen können und was sie besser lassen sollten, zeigt ein Blick auf die Mechanismen dahinter.

Drei nüchterne Gründe, warum Vereinfachung wirkt

Im Frühjahr 2016 mietete die Brexit-Kampagne Vote Leave Werbeflächen auf Londoner Doppeldeckerbussen. Die Botschaft: Wir schicken der EU 350 Millionen Pfund pro Woche – lasst uns stattdessen unseren NHS finanzieren. Die Zahl war nicht frei erfunden, und genau das machte sie so wirksam. Die Bruttozahlung stimmte ungefähr – rund 363 Millionen Pfund pro Woche. Das Wort „brutto“ stand jedoch nirgends. Nach Abzug aller Rückflüsse blieben 181 Millionen. Die britische Statistikbehörde erklärte bereits im April 2016, die Verwendung der Bruttozahl sei irreführend. Vote Leave benutzte sie trotzdem weiter.

Ein Zahlenpaar, zwei Botschaften – und die falsche Hälfte passte auf einen Bus. Die richtige brauchte einen Nebensatz. Was dieser Streit letztlich gekostet hat, rechnet inzwischen jemand anderes aus: Eine Studie von Cambridge Econometrics beziffert den Verlust an Wirtschaftsleistung auf rund 140 Milliarden Pfund pro Jahr – etwa das Fünfzehnfache dessen, worüber ursprünglich gestritten wurde.

Warum funktioniert diese Art der Kommunikation trotzdem? Dafür gibt es drei nüchterne Gründe:

  • Kein Gegencheck nötig: Wer zuspitzt, muss die Gegenrechnung nicht mitliefern. Wer differenziert, schon.
  • Kein Freigabeprozess: Ein Plakat, ein Post am Abend – kein Justiziar, kein Betriebsrat, keine Abstimmung mit drei Bereichen.
  • Eine echte Frage wird beantwortet: Wer Angst hat, will wissen, woran er ist – nicht, wie kompliziert es ist.

Wenn Sorgfalt von außen wie Ausweichen aussieht

Wenn jemand fragt, ob KI Arbeitsplätze in der Kommunikation kostet, antworte ich gern: Das muss man differenziert betrachten, es kommt auf die Funktion an, wir sehen gerade eine Verschiebung. Alles richtig. Beim Gegenüber kommt jedoch an: Der weiß es nicht – oder er sagt es mir nicht.

Sorgfalt sieht von außen wie Ausweichen aus. Der Unterschied ist von außen nicht zu erkennen.

Genauso klingt es in vielen Townhalls. „Wir prüfen derzeit verschiedene Szenarien.“ „Dazu kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts sagen.“ Fachlich korrekt. Gehört wird: Da kommt etwas – und sie sagen es uns nicht.

Wann hat in Ihrem Unternehmen zuletzt jemand eine schlechte Zahl genannt, bevor er sie erklärt hat?

Ein roter Bus zeigt politische Botschaften zur Finanzierung des NHS und zum Austritt aus der EU. Der Text lautet: „Wir überweisen der EU jede Woche 350 Millionen Pfund – lasst uns stattdessen unseren NHS finanzieren. Stimmt für den Austritt. Lasst uns die Kontrolle zurückgewinnen.“ Der Bus steht neben einigen Bäumen.

Bus mit der Aufschrift: Leave EU, Flickr.com, CC License

Die falsche Lehre wäre, es den Lauten nachzumachen

Zuspitzen funktioniert kurz und kostet lang. Wer einmal vereinfacht hat und korrigiert werden muss, kommuniziert jahrelang gegen die eigene Korrektur an. Außerdem gibt es einen zweiten Grund, es zu lassen: Eine Kampagne kann nach der Wahl verschwinden. Als Führungskraft sitzen Sie im nächsten Quartal wieder vor denselben Menschen.

Was man übernehmen kann: die Form, nicht den Inhalt

Obwohl der Inhalt populistischer Kommunikation keine Vorlage ist, lässt sich die Form durchaus übernehmen. Konkret bedeutet das:

  • Sagen Sie die schlechte Zahl zuerst – und die Erklärung danach. Nicht umgekehrt.
  • Setzen Sie Ihren Namen unter die Aussage – nicht „die Geschäftsführung“.
  • Sagen Sie im Zweifel „Ich weiß es noch nicht, ich sage es Ihnen am 14.“ – statt „Wir befinden uns in einem laufenden Prozess.“
  • Liefern Sie die zweite Zahl selbst – bevor jemand anderes sie findet und interpretiert.

Das ist langsamer als ein Doppeldeckerbus. Es hält aber länger.

Gehen Sie Ihre letzte interne Mitteilung durch und streichen Sie jeden Satz, der nach Absicherung klingt. Wenn danach wenig übrig bleibt, wissen Sie, warum häufig die Lauten gewinnen – und was eine Führungskraft dagegen setzen kann, die klar kommuniziert, ohne die Wahrheit zu verbiegen.

Ihr
Nikolai A. Behr

Ein Mann in Anzug und Brille sitzt lächelnd an einem Schreibtisch, vor sich ein aufgeschlagenes Notizbuch, einen Stift in der Hand und ein Glas Wasser. Im unscharfen Hintergrund sind Bücherregale und gerahmte Bilder zu sehen. Schwarz-Weiß-Foto.

Foto: DIKT mit Hilfe von KI