Maybrit Illner: Wer die falschen Leute fragt, bekommt langweilige Antworten

Posted by hans | 7. Juni 2017

Und wieder Donald Trump: diesmal bei Maybrit Illner anders als bei Anne Will überwiegend mit Hauptdarstellern aus dem politischen Tagesgeschäft besetzt. Für den Zuschauer hätte mehr Nutzen herausspringen können – was aber nicht an den Gästen, sondern an der Moderatorin lag. Welchen Nutzen die Sendung Talk-Einsteigern und potenziellen Talk-Moderierern gebracht hat, das hat DIKT-Trainer Matthias Dezes analysiert.

Beachtlich: Sie macht alles richtig – Mimik und Gestik unterstreichen ihre Botschaften effektiv. Sie argumentiert verständlich und belegt ihre Fakten mit plausiblen Beispielen. Und trotzdem gibt es viele, die sie einfach nicht mögen: Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat noch immer viel gut zu machen, seit sie „ihrer Truppe“ ein generelles „Haltungsproblem“ attestierte. Zu vieles, womit sie sich über die Jahre hinweg unbeliebt gemacht hatte, kam wieder hoch. Und mancher attestierte nun der Ministerin ein Haltungsproblem; ein Problem mit ihrer Einstellung Untergebenen gegenüber, dass sie sich in der Krise nicht vor ihre Leute stellt.

Warum so etwas in einer Talkshow-Kritik steht: Weil das Beispiel der Ministerin von der Leyen deutlich zeigt, dass Handlung und Haltung zueinander passen müssen. Man kann alle Regeln von Rhetorik und Körpersprache beherrschen – wenn man im entscheidenden Moment opportunistisch agiert anstatt Zivilcourage zu zeigen, dann hat man ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Gröbster Ausrutscher: Moderatorin Illner und ihre Redaktion, die trotz des für den Abend angekündigten Trump-Statements weder einen Klima-Experten eingeladen hatten noch den Klima-Ausstieg der USA und seinen Stellenwert für die Weltpolitik zum zentralen Thema machten. Stattdessen Fragen an die Ministerin zur Bundeswehr, die man in ähnlicher Form schon mehrfach gehört hatte. Und eine der wichtigsten Fragen des Abends richtete Illner nicht etwa an den deutschen Statthalter der Republikaner und Trump-Anhänger Ralph Freund, sondern an die „Linken“-Vorsitzende Katja Kipping. Dabei wäre es wirklich spannend gewesen, was Freund gesagt hätte zu der Frage, ob nun China, das sich klar zu Freihandel und dem Pariser Klimavertrag bekennt, der neue starke Partner Europas werden könne. Chance vertan!

Die besten Statements:

Nicole Deitelhoff, Friedens- und Konfliktforscherin, sah am Beginn seiner Präsidentschaft durchaus Chancen in Trumps künftiger Außenpolitik: „Wo es nur noch rituelles Verhalten gab [wie im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern] hat er Bewegung hineingebracht.“

Katja Kipping, Vorsitzende der Partei Die Linke: „Dass der Generalsekretär der NATO wie ein Butler neben Donald Trump steht, das muss sich ändern.  Der gehört abgelöst. Der hätte widersprechen müssen, oder zurücktreten.“

Ralph Freund, Trump-Unterstützer und in Deutschland  Repräsentant von Republicans Overseas: „Der Schulterschluss, den Europa auf dem NATO-Gipfel und bei den G7 gezeigt hat, ist gut.“ Und zu Trumps Nahost-Reise und der Kritik am Waffen-Deal mit Saudi-Arabien: „Ohne einen Partner geht es in Nahost nicht. Obama hatte keinen – und er hat dort nichts erreicht.“ Freund macht eine Sache gut: Er macht keine plumpe Trump-Werbung.

Ursula von der Leyen, Bundesverteidigungsministerin (CDU), konterte geschickt die Vorwürfe von Katja Kipping: „Dort, wo Europa militärisch eingegriffen hat, folgten stets Infrastrukturmaßnahmen wie Wasser- und Energieversorgung sowie Entwicklungshilfe.“ Und außerdem: „Es gibt kein Zerwürfnis mit Amerika.“ Und sonst: Von der Leyen stellte sich auf Nachfrage von Illner derart konsequent vor „ihre“ Bundeswehr, dass wir ihr die Bitte um Entschuldigung für ihre früheren Statements diesmal wirklich abnehmen.

Talk-Experte Dezes: „Die Debatte wäre für den Zuschauer gewinnberingender gewesen, hätte Maybrit Illner der Linken-Politikerin weniger Raum gegeben und dafür dem Trump-Versteher Ralph Freund intensiver auf den Zahn gefühlt. Er war die interessanteste Person des Abend, und hätte sicher viel zu sagen und zu erklären gehabt. Deshalb richtet sich die Schlussfolgerung der Talk-Kritik heute weniger an potenzielle Panel-Kandidaten, sondern an Manager, die selbst einmal eine Talk-Runde moderieren müssen: Bereiten Sie gut und aktuell vor! Und überlegen Sie sich, wer die interessanteste Person Ihres Panels ist. Wer könnte etwas wirklich Neues sagen und mit seinen Statements Dynamik in die Diskussion bringen? Und wie wird der Rest der Runde darauf reagieren? Wer sich diese Gedanken rechtzeitig macht, präsentiert seinem Publikum eine spannende Veranstaltung.“

Kontakt für Anfragen und Buchungen:

office@medientraining-institut.de

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